Der Vorhang für Ihr Grundstück - Sichtschutz und seine Vorschriften

Ob Hecke, Mauer oder Milchglas. Oft werden im Garten Elemente zum Schutz der Privatsphäre angebracht - gerade etwa auf der Grenze zum Nachbargrundstück. Doch wie frei dürfen Sie Elemente zum Sichtschutz eigentlich gestalten? In der Schweiz gibt es zahlreiche Vorschriften dazu. Zusammen mit Rechtsanwältin Alexandra Pestalozzi bringen wir Klarheit ins Gesetzeswirrwarr. Wir erklären Ihnen, was Sie bei der Planung beachten und was Sie für Ihr Vorhaben auf der Baubehörde abklären müssen.

06.06.20237min7min

Frau entspannt sich auf einem Liegestuhl in ihrem Garten und wird durch einen Sichtschutz von den Blicken von aussen geschützt

Ihre Terrasse befindet sich direkt an einer beliebten Joggingstrecke oder Ihr Garten liegt dicht an dicht am benachbarten Grundstück? In diesen Fällen kennen Sie vermutlich das Gefühl, dass Privatsphäre eine private, aber auch eine gegenseitige Angelegenheit ist. Haben Sie nun den Wunsch, etwas mehr für sich zu sein, dann ziehen Sie den Vorhang zu Ihrem Grundstück - den Sichtschutz.

Um nachbarrechtliche Streitigkeiten zu vermeiden, sollten Sie aber nicht vorschnell einen hohen Zaun zum Nachbargrundstück aufstellen. Denn egal ob Hecke, Zaun oder Mauer - jede Art von Sichtschutz unterliegt bestimmten Vorschriften. Diese sind kantonal und kommunal geregelt. Ergo: Wenn Sie Sichtschutz pflanzen oder bauen wollen, führt kein Weg daran vorbei, einen Blick in die kantonalen und örtlichen Bauvorschriften und die Bestimmungen des Zivilgesetzbuches zu werfen. Um Sie möglichst gut auf Ihren Gang zur Gemeinde vorzubereiten, haben wir mit Alexandra Pestalozzi, Rechtsanwältin von der AXA-ARAG, gesprochen und die wichtigsten Informationen zu den Schweizer Sichtschutzvorschriften für Sie zusammengetragen.

First things first: Welche Arten von Sichtschutz gibt es?

Als Sichtschutz werden Elemente bezeichnet, die den Blick auf Teile des eigenen Grundstücks oder in den Wohnraum versperren. Generell können Sie bei Ihrem Sichtschutz zwischen Pflanzen und baulichen Massnahmen wählen. Als pflanzlicher Sichtschutz eignen sich besonders Hecken aus Thuja, Bambus oder Chinaschilf. Zu den baulichen Installationen gehören Zäune, Mauern und ähnliche Elemente. Diese können aus Holz, Metall oder mineralischen Baustoffen, wie Stein oder Beton gebaut sein. Immer beliebter werden auch Sichtschutzinstallationen aus Designglas, die zwar durchlässig für Licht, nicht aber für Blicke sind.

Platzieren Sie die Blickbarriere direkt auf der Grenze Ihres Grundstücks, dann wird der Sichtschutz gleichzeitig zur Grenzmarkierung zum Nachbargrundstück. Ist Ihr Grundstück dabei ganz oder teilweise von dieser Grenzmarkierung umgeben und wird so nach aussen abgeschirmt, spricht man von einer «Einfriedung». Ist diese pflanzlicher Natur, ist die Rede von einer «lebenden Einfriedung». Bauliche Installationen auf der Grenze hingegen werden als «tote Einfriedungen» bezeichnet.

Welche Vorschriften gelten für welche Art von Sichtschutz?

Natürlich föderalistisch hat jede Region andere Regelungen zu den verschiedenen Arten von Sichtschutz! An einer genauen Abklärung führt deshalb vor der Errichtung kein Weg vorbei. Allgemein kann jedoch gesagt werden, dass für bauliche Unterfangen andere Regelungen gelten als für pflanzliche. Ausserdem unterstehen Grenzbauten und -pflanzen häufig anderen Vorschriften als Sichtschutz innerhalb Ihres Grundstücks.

Besonderheiten bei baulichem Sichtschutz

In vielen Fällen müssen Sie für bauliche Installationen eine Baubewilligung beantragen. Dazu sagt Alexandra Pestalozzi: «Es wird in den kantonalen und kommunalen Bestimmungen geregelt, welche Arten von baulichen Installationen eine Bewilligung erfordern. Dabei spielen in den meisten Fällen der Grenzabstand sowie die Höhe eine entscheidende Rolle.»

Wie stelle ich sicher, dass die Bewilligung für meine bauliche Installation genehmigt wird?

Wenn Sie beide Grundbedingungen (Maximalhöhe und Grenzabstand) erfüllen, sind Sie schon auf einem guten Weg, eine Bewilligung zu erhalten. Zusätzlich sollte Ihr Sichtschutz zum Ortsbild passen. Orientieren Sie sich dabei an Sichtschutzvorrichtungen in Ihrer Nachbarschaft - das gibt Aufschluss, welche Art von baulichem Sichtschutz in Ihrer Gemeinde genehmigt werden könnte. Alexandra Pestalozzi warnt aber: «Allein der Umstand, dass dieselbe Mauer bereits an anderer Stelle errichtet werden durfte, bedeutet nicht zwingend, dass man selbst auch eine solche aufstellen darf. Man kann aber davon ausgehen, dass der gewünschte Sichtschutz zumindest mit dem Ortsbild vereinbar sein sollte.»

Besonderheiten bei pflanzlichem Sichtschutz

Hecken aus herkömmlichen Pflanzenarten unterstehen in der Regel den jeweiligen Bestimmungen des Einführungsgesetzes zum Zivilgesetzbuch. Planen Sie einen Sichtschutz dieser Art, müssen Sie mit grosser Sicherheit keine Baubewilligung beantragen. Alexandra Pestalozzi verweist jedoch auf einen Sonderfall: «Aussergewöhnliche, grossflächige Hecken, die zu einer Veränderung der Landschaft führen, können im Ausnahmefall der Baubewilligungspflicht unterstehen.»

Tipp: Wenn Sie sich dem Ausmass Ihrer pflanzlichen Unternehmung unsicher sind, klären Sie Ihre Unsicherheiten besser vorher mit dem lokalen Bauamt.

Zusätzlich müssen Sie sich auch beim pflanzlichen Sichtschutz an die Mindestgrenzabstandregeln in Ihrem Wohnort halten: Wird die Hecke nicht mit Zustimmung beider Eigentümer:innen auf die Grenze gesetzt, so muss ein gewisser Mindestabstand eingehalten werden. Der ist wiederum kantonal und kommunal vorgegeben und von Ihrer gewünschten Heckenhöhe abhängig.

Besonderheiten beim Errichten von Grenzbauten und -pflanzungen

Ist eine Vorrichtung auf einer gemeinsamen Grenze geplant, dann wird’s «grenzlig»! Denn beide angrenzenden Parteien müssen mit der Errichtung einverstanden sein und sich zu gleichen Teilen an ihr beteiligen. Damit wird die Sichtschutzvorrichtung zum Miteigentum. Nicht zu verwechseln mit Mieteigentum… Das heisst: Zur Wartung und Instandhaltung des gemeinsamen oder gar gegenseitigen Sichtschutzes sind beide nachbarschaftlichen Seiten gleichermassen verpflichtet.

Bei der Errichtung von Grenzbauten spielt übrigens die “Dichte” des Sichtschutzes eine Rolle. Offene Bauten, wie lichtdurchlässige, weit gesteckte Zäune, unterliegen oft weniger strengen Vorschriften als blickdichte, geschlossene Mauern. Wenn es Ihnen also mehr um die Grenze und weniger um den Sichtschutz geht, planen Sie besser einen weit gesteckten Zaun als eine blickdichte Hecke.

Einverständnis der Nachbar:innen für Sichtschutz innerhalb des Grundstücks

Ganz allgemein kann man sagen, dass immer dann die Zustimmung der Nachbar:innen erforderlich ist, wenn öffentlich-rechtliche oder zivilrechtliche Bestimmungen verletzt oder überschritten werden. Dies ist der Fall, wenn die Höhe des Sitchschutzes die Formvorschriften für Gebäude über- oder den Mindestabstand zum Nachbarsgrundstück unterschreitet.

Ob Zustimmung notwendig oder nicht: Wir raten in jedem Fall, im Vorhinein mit der Nachbarschaft das Gespräch zu suchen, um allfällige Differenzen frühzeitig zu beseitigen.

Besonderheiten beim Sichtschutz zu öffentlichen Strassen und Wegen

Wer hätte das gedacht? Natürlich gibt es auch eigens auf diesen Fall angelegte Vorschriften. Prinzipiell ist das Errichten von Sichtschutz hin zu öffentlichen Wegen und Strassen erlaubt, jedoch nur mit Einschränkungen. Pestalozzi erklärt: «Nebst den klassischen Kriterien (Höhe, Grenzabstand und Ortsbild) ist in den meisten solcher Fälle auch der Aspekt der Verkehrssicherheit ein zentraler Faktor, weshalb für Sichtschutz an öffentlichen Strassen oftmals strengere Vorschriften gelten.» Wollen Sie Sichtschutz zu öffentlichen Wegen errichten, erkundigen Sie sich unbedingt vorgängig bei der zuständigen Behörde.

Raucht der Kopf vor lauter Vorschriften?

Ein ganz schöner Regelsalat. Aber seien Sie unbesorgt, denn hier folgt der Sichtschutz-Fahrplan. So gehen Sie Schritt für Schritt vor:

  1. Überlegen: Was sind meine Bedürfnisse? Welchen Sichtschutz wünschen ich mir - pflanzlich oder baulich? Soll er als Grenzzaun dienen und direkt an der Grenze stehen? Oder soll der Sichtschutz innerhalb des Grundstücks platziert werden? Soll der Sichtschutz hin zu einer öffentlichen Strasse errichtet werden? Welche Höhe soll er haben?

  2. Abklären: Informieren Sie sich auf dem Bauamt Ihrer Gemeinde, welche Vorschriften für Ihren gewünschten Sichtschutz gelten. Lassen Sie sich folgende Fragen beantworten: Benötige ich für mein Vorhaben eine Baubewilligung? Wie hoch darf mein Sichtschutz maximal werden? Was ist der gesetzliche Mindestgrenzabstand? Brauche ich eine Einverständniserklärung meiner Nachbar:innen?

  3. Kommunizieren: Suchen Sie das Gespräch mit Nachbar:innen und informieren Sie sie über ein allfälliges Baugesuch. Je nach Situation brauchen Sie eine schriftliche Einverständniserklärung von ihnen.

  4. Finalisieren: Planen Sie ggf. mit einem Unternehmen. Hier ist eine klare, vertragliche Abrede und die genaue Auswahl der gewünschten Materialisation wichtig, damit die geltenden Vorschriften eingehalten werden.

  5. Beantragen: Reichen Sie Ihren Antrag auf eine Baubewilligung ein.

  6. Warten: auf Ihre Baubewilligung. Falls Ihre Nachbar:innen bauen: Jetzt ist der Zeitpunkt, um eine mögliche Einsprache gegen deren Baubewilligung einzulegen. Hier finden Sie eine Vorlage dafür.

  7. Loslegen.